Zentrum für Familiengesundheit

Den Blick für die Familien schärfen

Auch Familien leiden, wenn ein Familienmitglied erkrankt. Deshalb gibt es am Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe das „Zentrum für Familiengesundheit“.

Die kleine Einrichtung lenkt Aufmerksamkeit auf die familiäre Dimension von Krankheiten – durch Fortbildungen, Workshops und Projekte. Und die Vernetzung des Krankenhauses mit der Umgebung.

Er lächelt gern, der Herr Klein, ein zuversichtliches Lächeln, und das liegt wohl auch an der Aufbruchsstimmung, die seine Generation erleben durfte, als sie in den achtziger und neunziger Jahren in psychiatrischen Einrichtungen zu arbeiten begann. Damals rollte eine Reformwelle durch die Kliniken, die von der sogenannten „Psychiatrie-Enquete“ angestoßen worden war. „Und ich bin ein Kind dieser Zeit“, sagt der Familientherapeut Klein, als er uns begrüßt: „Ich sehe es als meine Aufgabe, die Visionen aus dieser Zeit weiter voranzubringen.“

Dafür sitzt er am richtigen Platz. Klein ist Leiter des „Zentrum für Familiengesundheit“ – eine kleine und zu Beginn „fast virtuelle“ Einrichtung am Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe, die eine große Aufgabe hat: Sie soll dafür sorgen, dass der familiäre Kontext, in dem kranke Menschen leben, stärker als gewöhnlich bei der Behandlungsplanung berücksichtigt wird. Weil auch Familien leiden, wenn ein Familienmitglied erkrankt. Und weil auch Familien zur Heilung beitragen können.

„Das familiäre Umfeld, in dem sich Patientinnen und Patienten bewegen, wurde natürlich schon immer irgendwie gesehen“, sagt Klein. „Trotzdem ist es noch einmal etwas ganz anderes, wenn man das Thema systematisch angeht und den Blick für die familiären Zusammenhänge schärft.“

Das ganze Krankenhaus sucht den Austausch zum Thema

Im Anfang des Zentrums stand ein Konzeptpapier, mit dem Klein 2010 offene Türen einrannte. Einerseits war darin von einer Reihe konsequenter Beratungsangebote für Patienten und ihre Familien die Rede – andererseits regte Klein, der gerade Referent für Strategie- und Unternehmensentwicklung in der Regionalgeschäftsführung der St. Hedwig Kliniken geworden war, innerbetriebliche Entwicklungsmaßnahmen an: „Wir wollten jene Mitarbeiter im Haus stärken, die bereits über den familiären Kontext von Krankheit nachdachten, und das verknüpfen, was an Know-How vorhanden war.“

Er ging durch die Abteilungen, sondierte den Beratungsbedarf. Und war überrascht: „In den somatischen Abteilungen war die Resonanz in allen Berufsgruppen besonders hoch. Überall wünschte man sich eine möglichst umfassende Behandlung der Patientinnen und Patienten.“ Wobei man zugleich darauf hoffte, die „manchmal dann doch etwas konflikthaften Auseinandersetzungen mit Angehörigen“ reduzieren zu können. Onkologie, Notaufnahme und Intensivmedizin räumten für das Thema sehr viel mehr Zeit frei als gedacht.

Umso engagierter organisierte Klein über Jahre hinweg Fortbildungstage, bei denen sich die Teams einzelner Stationen konzentriert mit der Thematik befassen konnten. Alle involvierten Berufsgruppen von den Pflegerinnen und Pflegern über die Ärztinnen und Ärzte bis zur Sozialarbeit, der Physio- und Ergotherapie, Psychologie und Seelsorge kamen intensiv ins Gespräch und auch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lernen über die Veranstaltungen des Zentrums eine Grundhaltung kennen, die den Patientinnen und Patienten und ihren Familien zugute kommt.

Was Ärzte, Pflegende und Sozialpädagogen für familienzentriert halten, deckt sich im Alltag sicher nicht immer mit dem, was Angehörige erwarten. Dafür liegen die Nerven von Familien bei manchen Krankheitsbildern einfach zu blank. „Und dafür sind es im Alltag auch manchmal einfach zu viele Patienten, die gleichzeitig Aufmerksamkeit brauchen“, sagt die Sozialpädagogin Melanie Mrotzeck, die in der Geriatrie zwischen Ärzten, Pflegenden und Angehörigen vermittelt.

Klein aber betont: „Über unsere Fortbildungen und Projekte ist sehr viel passiert. Wenn wir heute weniger Beschwerden verzeichnen als früher, ist das ein Indikator dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Der Blick habe sich spürbar geweitet: Die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik etwa baute einen eigenen Bereich für psychisch kranke Eltern mit Säuglingen auf. Klein findet das besonders erfreulich. Er war lange als Familientherapeut mit psychisch kranken Eltern und ihren Kindern befasst und weiß, wie wertvoll ein solches Angebot ist.

In der Intensivmedizin trägt ein durch verschiedene Berufsgruppen und Angehörige geführtes Intensivtagebuch dazu bei, dass Patienten ihre Erinnerungslücken nicht nur als belastend einstufen, sondern ein Gefühl des Begleitet- und Aufgehobenseins bekommen. In der Geriatrie gibt es für schwierige Fällen nun berufsgruppenübergreifend abgestimmte Familiengespräche, mit denen die Problemlösung erleichtert wird.

In den Stadtteil hineinwirken

Parallel zu diesen Veränderungen im Inneren des Hauses suchte das Krankenhaus den verstärkten Austausch mit der Umgebung. Mit dem Jugendamt und Trägern der Jugendhilfe im Bezirk Treptow-Köpenick wurde im Bereich „Frühe Hilfen“ eine Werkstattreihe konzipiert, die über „familiäre Interaktion rund um die Geburt“ nachdachte. Ein Seminar zum Thema Verlust, Tod und Trauer diskutierte die Unterstützung, die zu dem passt, was wir in unserer jeweiligen Lebenssituation und im Alltag benötigen“. An der Volkshochschule entstand eine „Familiengesundheitsakademie“. Die Zusammenarbeit mit dem Malteser Hospiz- und Begleitdienst ermöglichte ehrenamtliche Angebote fürs das Lebensende und Kurse zur „Letzten Hilfe“.

 „Das sind alles Impulse zum Aufbau einer sogenannten „Compassionate Community“, sagt Klein, der als Krankenhausvertreter auch in den Pfarrbeirat des Katholischen Kirchengemeinde St. Josef berufen wurde und an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen ein „Kompetenzzentrum für Familiengesundheit“ auf den Weg brachte.

Aktuell arbeitet er an zwei Modellprojekten. Das eine unterstützt psychisch kranke, suchtkranke und obdachlose Menschen durch bewegungsorientierte Angebote; es wird gemeinsam mit dem Bezirk und einer Krankenkasse vorangetrieben. Das andere wurde mit der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin initiiert: im Mittelpunkt stehen Familien mit einem Elternteil mit schwerwiegender somatischer chronischer Erkrankung und Kindern bis 21 Jahren. Hier entsteht ein „Familienwissenschaftsladen“, der den Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis und Familien ermöglicht.

Nicht zuletzt kommt mit den Projekten frischer Wind ins Zentrum hinein, sagt Klein: die junge „Koordinatorin Gesundheitsförderung“ Tuja Pagels, die für beide Modellprojekte eingestellt wurde und das Zentrum fortan gemeinsam mit Klein leitet, bringe ihn mit. Er ist sich sicher: „Eine neue Generation mit im Boot, das kann nur gut sein.“


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